Die rechtzeitige und ausreichend hoch dosierte Thiaminsubstitution stellt die derzeit einzige evidenzbasierte und wirksame Therapie der Wernicke-Enzephalopathie dar. Sie kann – insbesondere bei frühzeitiger Einleitung – zu einer vollständigen Remission führen und verhindert das Fortschreiten der Erkrankung zum Wernicke-Korsakoff-Syndrom, der chronischen, in der Regel irreversiblen Verlaufsform der Wernicke-Enzephalopathie. Studien belegen, dass bei akuten Fällen einer Wernicke-Enzephalopathie die Konzentrationen von Thiaminmonophosphat und Thiaminpyrophosphat (TPP) im Serum erniedrigt sind und dass eine klinische Besserung mit einem Anstieg der TPP-Spiegel nach Thiamingabe einhergeht15.
Aktuelle Untersuchungen zeigen zudem, dass bei Patient:innen mit Alkoholkonsumstörung ohne neurologische Symptome (z. B. ohne klinische Anzeichen eines Wernicke-Korsakoff-Syndroms) sowohl intravenös als auch oral verabreichtes Thiamin in vergleichbarem Maße zu einem Anstieg der TPP-Spiegel im Blut führt16. Dies legt nahe, dass eine orale Thiaminsubstitution bei asymptomatischen Patient:innen eine ebenso wirksame Therapieform darstellen kann wie die parenterale Applikation.
Die Thiaminsubstitution wird in nationalen und internationalen Leitlinien als wesentlicher Bestandteil der Behandlung von Alkoholkonsumstörungen empfohlen – auch prophylaktisch, selbst in Abwesenheit weiterer Risikofaktoren17. Eine frühzeitige und konsequente Gabe stellt eine wirksame Maßnahme dar, um das Fortschreiten einer Wernicke-Enzephalopathie zum Wernicke-Korsakoff-Syndrom zu verhindern und damit das Risiko irreversibler kognitiver Folgeschäden erheblich zu senken18,19.